NEIN!…über die Angst, Kinder groß zu ziehen, die kein Gefühl für Grenzen haben

Ich erinnere mich noch gut daran als unsere ältere Zaubertochter, 4 Jahre alt war und sie einen Spaziergang mit ihrem Puppenwagen machen wollte. Ihren eigenen Buggy wollte sie zu Hause lassen, immerhin war sie Puppenmama und als solche konnte man unmöglich selbst im Buggy sitzen. So zogen wir los – die stolze Puppenmama und dahinter ich mit Rucksack (fürs Picknick). Wir verbrachten einen tollen Nachmittag im Wald.

Beim Heimgehen beschloss sie aber plötzlich sich auf eine Grünfläche zu setzen und eine Pause zu machen. Ca. 200 Meter vor unserem Haus. Ich konnte unser Haus quasi sehe und da es mittlerweile schon etwas spät geworden war, war ich mit meinen Gedanken schon beim Abendessen machen. Zudem fiel mir noch die Wäsche im Trockner ein, welche zusammengelegt werden wollte. Kurz um: ich wollte jetzt eigentlich keine Pause mehr machen, sondern zügig nach Hause gehen. Unsere Zaubertochter ruhte sich aber nun aus.

Ich atmete mehrmals tief ein und aus, ließ die aufsteigende Ungeduld durchziehen und beschloss, dass es eigentlich egal war, wann wir nach Hause kamen. Ich setzte mich daneben. Unsere Zaubertochter hatte mittlerweile eine Schnecke entdeckt und wir beobachteten diese. Eine Frau kam vorbei und stellte fest:“ Da hat ja wer seinen Kopf durchgesetzt und gewonnen!“

Es dauerte kurz bis ich verstanden habe, was sie damit gemeint hat. Sie deutete an, dass unsere Zaubertochter im Willenskampf zwischen Eltern und Kind gewonnen hat – auf meine Kosten.

Es ist ein althergebrachter Glaube, es sei schlecht für ein Kind, wenn es zu oft seinen Willen bekam.
Dabei stehen wir mit unseren Kindern immer auf derselben Seite. Wir wollen miteinander auskommen, zufrieden sein und uns in der Beziehung wohlfühlen.

Ich schaute zu der Dame auf und antwortete ihr lächelnd: „Wir haben gerade entdeckt, dass Schnecken gar nicht langsam sind.“ Die Dame nickte dann zustimmend und ging weiter. Wir beobachteten die Schnecke noch einige Zeit und gingen dann ebenso heim.

Am Abend dachte ich dann noch weiter über diese Situation nach und mir fielen unzählige Beratungsgespräch mit Eltern ein, bei denen Eltern äußerten, sie hätten Angst davor, dass ihre Kinder immer ihren Kopf durchsetzen und sich nie an notwendigen Regeln halten würden. Sie hätten Sorge, dass ihre Kinder sie ausnutzen könnten oder zu Menschen werden würden, die keine Rücksicht auf andere nehmen.

Solche Ängste lösen in uns Eltern großen Druck aus und unter dem neigen wir dann dazu, Liebe als Belohnung einzusetzen. Die Kinder werden dadurch natürlich gefügig. Doch nur deshalb, weil sie in weiterer Folge Angst haben, keine elterliche Anerkennung mehr zu bekommen. Somit wird Angst von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Angst davor, die elterliche Anerkennung zu verlieren, führt beim Kind oft zu Aggression oder Verzweiflung. Keine Anerkennung bedeutet für ein Kind, unwürdig zu sein und nicht geliebt zu werden.

Wenn jedes Verhalten Kommunikation ist, dann ist in jedem Verhalten eine Emotion zu finden. Wenn es uns gelingt, das Gefühl hinter einem bestimmten Verhalten zu erkennen und sich darin einzufühlen, können wir es für unsere Kinder in Worte fassen oder ihnen helfen Worte zu finden. Dann muss ein bestimmtes Verhalten (meist eines, das schwierig für uns ist) nicht als Kommunikationsweg dienen.

Unsere Zaubertochter hat sich an diesem Nachmittag ausgetobt, war auf Hügel geklettert, hat ihren Puppenwagen geschoben, sich liebevoll um ihre Puppe gekümmert, war Schmetterlingen nach gelaufen und hat auf Baumstämmen balanciert. Ganz schön viel Bewegung, ganz schöne Reize, ganz schön viel Neues. Deshalb waren das Hinsetzen und das Beobachten der Schnecke (ihre Leidenschaft für Schnecken begann damals – mittlerweile haben wir ein Schnecken Terrarium) ihre Form der Entspannung (Achtsamkeitspraxis de luxe – eigentlich).

Und auch ich wollte Entspannung – zwar zu Hause und wenn „alles erledigt war“, aber ich wollte mich auch erholen. Unsere Bedürfnisse waren gleich.

Natürlich war mein erster Gedanke und mein Gefühl: Ich will jetzt endlich nach Hause und nicht hier herumsitzen. Und natürlich kämpfte mein Wille kurz gegen ihren.

Die Aussage der Frau:“ Da hat jemand seinen Kopf durchgesetzt“ rüttelte mich jedoch wach. Anders als die Frau es beabsichtigt hat 😉

Es erinnerte mich an das gute alte Spiel um Sieg und Niederlage, um Macht und Ohnmacht, um Dominieren und Unterwerfen. Aber ganz ehrlich in diesem Spiel gibt es keine Gewinner. Denn in dem Moment gibt es keine Beziehung, sondern nur mehr Versuche den eigenen Willen durchzusetzen. Man ist mitten in einem Machtkampf.

Dieses Gewinner – Verlierer Spiel hat Auswirkungen auf das emotionale Repertoire unserer Kinder. Wenn es in einer Beziehung darum geht den eigenen Willen durchzusetzen, dann bleiben am Schluss nur zwei Rollen über: der, der macht und der, mit dem gemacht wird.

Einen Willensmachtkampf zu verlieren, bedeutet oft eine Demütigung zu erfahren. Gedemütigt zu werden, fördert Aggression. Diese kann nach innen gerichtet werden (Depression) oder nach außen (unangemessenes Verhalten).

Beides will ich für unsere Zaubermädchen nicht.

Ich will keinen Machtkampf und ich will weder Sieger, noch Verlierer in unserer Familie haben.

Ich will neben unseren Zaubermädchen stehen, gleichwürdig und achtsam.
Ich will nebeneinander stehen und gemeinsam auf unsere Beziehung blicken.
Eine Beziehung, die wir nach unseren Werten und Bedürfnissen gestalten – Miteinander.

Mein Umgang mit Angst

„Ich halte mich an das, was in der Gegenwart funktioniert, nicht an das, was in der Zukunft passieren könnte“

Genauso mache ich es auch in der Begegnung mit unseren Zaubermädchen. Denn Erziehung ist „ergebnisunsicher“.

Wenn ich mal kurz in meine alten Sorgen/ Ängste zurückfalle, dann setz ich mich an den Küchentisch und spiele ein „Was ist, wenn Spiel“ mit mir:

  • Was ist, wenn sie sich auch noch mit 30 Jahren die Rinde vom Butterbrot weg schneiden lässt?
  • Was ist, wenn sie nie lernt im eigenen Bett zu schlafen? Und was, wenn sie einen Freund hat? (anderes Thema…)
  • Was ist, wenn sie mit 40 Jahren noch immer mit dem Schnuller herumläuft?
  • Was ist, wenn ihr Stoffhäschen sie an ihrem ersten Arbeitstag mit zur Arbeit begleiten muss?

Und dann erinnere ich mich noch an all die skurrilen Einschlafrituale, Autofahrtenverkürz – Spiele, einseitige Essgewohnheiten (Weintrauben ohne Schale, monatelang Nudeln mit Parmesan), die wir bereits erlebt haben. Keines dieser Dinge ist heute noch Bestandteil unseres Alltages. Es hat damals funktioniert und genau für diese Zeit war es auch wichtig. Denn diese ungewöhnlichen Dinge haben unsere Beziehung gesichert, gestärkt und beschützt.

„Ich definiere mich und nicht meine Kinder.

Wenn ich meiner Angst begegnet bin, dann suche nach meinem Nein in mir. Ich versuche mir klar zu werden, vor was ich gerade Angst habe. Ob es etwas Gegenwärtiges ist oder etwas das in der Zukunft liegt. Wenn ich mir klar bin, dann definiere ich mich und nicht unsere Zaubermädchen.

Zum Beispiel:

Anstatt „Du musst jetzt schlafen, es ist schon spät!“ bleibe ich bei mir und sage:“ Ich bin müde, ich möchte mich noch ein wenig mit Papa unterhalten und deshalb möchte ich, dass Du jetzt versuchst einzuschlafen.“


Ich bin ehrlich und zeige mich. Ich zeige mich und meine Bedürfnisse. Ich zeige mich und meine Grenzen. Ich mache mich angreifbar und erfahrbar. Ich biete unseren Zaubermädchen die Chance mit mir zu fühlen und sich in meine Bedürfnisse einzufühlen. Genauso wie ich es umgekehrt versuche. Dadurch entsteht Empathie und Respekt.

Und bin ich konsequent?


Es gibt Tage an denen gelingt es mir besser mit Grenzen und Bedürfnissen um zugehen und es gibt Tage, da ist mein innerer Handlungsspielraum bereits um 6:45 Uhr ausgeschöpft. (Weil zuvor schon nicht gut gefüllt 😉 

Aber an allen Tagen bemühe ich mich konsequent. Das ist meine Form von Konsequenz:

„Ich bemühe mich konsequent, mein Kind liebevoll und aufmerksam zu begleiten.
Ich bemühe mich konsequent, die Bedürfnisse meines Kindes zu deuten und zu erfüllen.
Ich bemühe mich konsequent, die Versprechen an mein Kind einzuhalten.
Ich bemühe mich konsequent, mein Kind die Welt in seinem eigenen Tempo entdecken zu lassen.
Ich bemühe mich konsequent, die beste Mutter für mein Kind zu sein, die ich sein kann.
Positive Konsequenz bedeutet für mich auch, dass meine Tochter sich auf mich verlassen kann. Dass sie weiß: Wenn Mama mir sagt „Ich bin da!“, dann ist sie es. Andererseits muss sie sich auch auf Regeln verlassen können, die mit uns mitwachsen und für uns alle gelten.“

J. Mik

Den ersten Teil zum Thema Ängste und Erziehung findest Du hier.

(Inspiriert von Philippa, Jeannine, Jesper, Naomi, Danielle und Katja)

2 Kommentare zu „NEIN!…über die Angst, Kinder groß zu ziehen, die kein Gefühl für Grenzen haben

  1. Guten Abend Heike,
    ich verfolge Deinen Blog mit Interesse.
    Dabei kann ich sehr oft auch etwas für mich mitnehmen.
    Vielen Dank fürs Teilen,
    liebe Grüße and die Zaubermädchen
    Wolfgang

    1. Lieber Wolfgang, vielen lieben Dank für Dein fein formuliertes Feedback. Es freut mich wirklich sehr, dass der eine oder andere Input für Dich Bedeutung hat. Danke! Die Grüße werden ausgerichtet und auch an Deine Lieben von Herzen kommende Grüße! Vielleicht mal bis bald? Alles Liebe! Heike

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